Zwei symphonische Chorwerke

Gesang der Parzen op. 89 und Schicksalslied op. 54

Johannes Brahms (7. Mai 1833 in Hamburg – 3. April 1897 in Wien) interessierte sich wie kaum ein anderer grosser Komponist des 19. Jahrhunderts für die Musik früherer Epochen. Dennoch dachte er – vergleicht man seine einschlägigen Äusserungen mit denen der neudeutschen Zukunftsmusiker Liszt und Wagner – völlig unhistorisch. Ihm lag nicht viel daran, die Alte Musik in ihrem eigenen Kontext zu verstehen oder zu ergründen, wie seine Vorgänger die kompositionstechnischen Probleme ihrer Zeit gelöst und ihrerseits die nächste Generation vor neue Aufgaben gestellt hatten. Was Brahms an früherer Musik faszinierte, war nicht etwa ihre Geschichtlichkeit, sondern im Gegenteil ihre zeitlose Qualität. Die alten Meister studierte er, um ihre wertvollsten Kompositionen zu erhalten und um sein eigenes kompositionstechnisches Repertoire zu erweitern. Als wichtige Einflüsse auf Brahms’ Komponieren werden seines strengen Formsinns wegen oft Bach und Beethoven genannt.


Gesang der Parzen, op. 89

Der Gesang der Parzen, den Brahms im Sommer 1882 schrieb, ist weitgehend homophon gehalten. Das einsätzige, etwa 13-minütige Chorwerk erfuhr seine Uraufführung noch im gleichen Jahr am 10. Dezember 1882 in Basel unter der Leitung des Komponisten. Die Drucklegung erfolgte im Jahr 1883.

Der Text stammt aus dem 4. Akt von Goethes Drama Iphigenie auf Tauris, welches wiederum auf eine Tragödie des griechischen Dichters Euripides zurückgeht. Es handelt sich um ein Gedicht mit tieftraurigem Inhalt, das Iphigenie sich selbst aufsagt (als ein Lied, das ihre Amme ihr einst vorgesungen habe), mitten im Gewissenskonflikt zwischen ihrer Sehnsucht, in die Heimat zurückzukehren, und der Loyalität dem König gegenüber, der sie aufgenommen hat.

Brahms’ Vertonung dieses Trauergesangs ist schon von seinen Zeitgenossen reichlich kritisiert worden: Vielen erschien der gleichförmig skandierte daktylische Rhythmus (lang-kurz kurz) zu monoton. Er symbolisiert allerdings treffend die übermenschliche Ordnung der Götter, deren Starrheit Brahms noch verdeutlicht durch den stereotypen Wechsel von Frauen- und Männer-Teilchören. Als unangemessen wurde ferner Brahms’ Behandlung des vorletzten Verses empfunden, in welchem die Götter ihre Rache vom einzelnen Menschen auf ganze Geschlechter ausdehnen: Ausgerechnet hier wechselt die Tonalität – scheinbar tröstlich – von Moll nach Dur.

Brahms selbst meinte dazu: „Über den fünften Vers des Parzenliedes höre ich öfter philosophieren. Ich meine, dem arglosen Zuhörer müsste beim bloßen Eintritt des Dur das Herz weich und das Auge feucht werden; da erst fasst ihn der Menschheit ganzer Jammer an.“ Nicht Milderung der Tragik wollte Brahms also erreichen, sondern ihre nochmalige Steigerung. Ob ihm tatsächlich gelang, Dur tragischer als Moll klingen zu lassen, bleibt von uns Zuhörenden zu entscheiden.
Victor Ravizza schreibt zu dieser Stelle im Brahms-Handbuch: "Der Chor, der den Gesang vorträgt, verlässt, vom Text betroffen, die ihm übertragene, gleichsam neutrale Rolle. Auch ihm wird das Herz weich und das Auge feucht. Er ist von Mitleid übermannt, von Sympathie im eigentlichen Wortsinn, wird durch diese emotionale Manifestation ganz gegenwärtig, gleichsam mit dem arglosen Zuhörer im Konzertsaal vereint, und der vorgetragene Text, hiermit ebenfalls gegenwärtig, ist nun kein entferntes archaisches Parzenlied mehr, sondern Gegenwart auch er, bedrückend und schwer verständlich."

Johann Wolfgang von Goethe: Lied der Parzen (1787)

Es fürchte die Götter
Das Menschengeschlecht!
Sie halten die Herrschaft
In ewigen Händen.
Und können Sie brauchen,
Wie’s ihnen gefällt.

Der fürchte sie doppelt,
Den je sie erheben!
Auf Klippen und Wolken
Sind Stühle bereitet
Um goldene Tische.

Erhebet ein Zwist sich
So stürzen die Gäste
Geschmäht und geschändet
In nächtliche Tiefen,
Und harren vergebens,
Im Finstern gebunden,
Gerechten Gerichtes.

Sie aber, sie bleiben
In ewigen Festen
An goldenen Tischen.
Sie schreiten vom Berge
Zu Bergen hinüber:

Aus Schlünden der Tiefe
Dampft ihnen der Atem
Erstickter Titanen,
Gleich Opfergerüchen,
Ein leichtes Gewölke.

Es wenden die Herrscher
Ihr segnendes Auge
Von ganzen Geschlechtern,
Und meiden, im Enkel
Die ehmals geliebten,
Still redenden Züge
Des Ahnherrn zu seh’n.

So sangen die Parzen;
Es horcht der Verbannte
In nächtlichen Höhlen,
Der Alte, die Lieder,
Denkt Kinder und Enkel
Und schüttelt das Haupt.


Schicksalslied, op. 54

Im Sommer 1868 notierte Brahms erste Skizzen zu seinem Schicksalslied auf das gleichnamige Gedicht von Friedrich Hölderlin, vollendete das Werk aber erst 1871 in Baden-Baden und leitete noch im gleichen Jahr, am 18. Oktober 1871, die Uraufführung in Karlsruhe.

Die erste Gedichtstrophe inspirierte Brahms zu einer schwerelosen, elysischen, traumhaft entrückten Musik: langsam und sehnsuchtsvoll, so die Vortragsbezeichnung. Ein endlos melodischer, zeitlos verklärter Gesang entfaltet sich über dem schreitenden Bass der tiefen Streicher.
Mit dem Eintritt der dritten Strophe ändern sich plötzlich Tempo, Takt- und Tonart, und wir werden aus dem Licht der Seligen jäh in die Nacht der irdischen Existenz katapultiert.

Entgegen dem untröstlichen Ende des Gedichts entschied sich Brahms, seine Komposition mit einer Wiederaufnahme der einleitenden, sehnsuchtsvollen Orchestertakte zu beschliessen, Hölderlins unversöhnlich harten Schlussgedanken also aufzuheben in einem Nachspiel: einer Musik, die selbst unnahbare Götter zu Tränen rühren und ihr unbarmherziges Regime klangvoll außer Kraft setzen könnte – der leise Triumph eines künstlerisches Credos vielleicht, als Protest gegen das Schicksal, den »Fall« des Menschen, den Zufall des Lebens, den alles nivellierenden Tod. Glücksfall oder Missgriff? Bis heute scheiden sich auch hierüber die Geister.

Friedrich Hölderlin: Hyperions Schicksalslied (1799)

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren Euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen

Blicken in stiller,
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn;
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahrlang ins Ungewisse hinab.